Der Jüngling
11. Juli 2009 von anja
Ich werde unsere erste Begegnung nie vergessen. Es war vor 5 Jahren und ich war zum ersten Mal auf Samos. Meine Reisebegleiterin und ich waren unserem Reiseführer gefolgt, der uns empfohlen hatten, dieses Haus zu besuchen. Auch von “ihm” hatten sie berichtet, schließlich ist er einer der bekanntesten Männer der Insel. Trotzdem stockte mir der Atem, als ich ihn plötzlich sah.
Ich stand am oberen Ende einer Treppe, er unten und schaute mir direkt ins Gesicht. Er blieb stumm und bewegte sich nicht, schaute nur und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. Er war groß, sehr groß und… völlig nackt.
Sein Körper war perfekt, wie gemeißelt. Schlank, aber nicht übermäßig durchtrainiert. Die runden Schultern und die weichen Konturen von Brust und Bauch verrieten, daß ihm durch einen gewissen Wohlstand die schönen Dinge des Lebens näher waren, als harte körperliche Arbeit.
Fasziniert stieg ich die Treppe hinab und trat näher. Er bewegte sich immer noch nicht. Stand einfach da, ein Bein etwas nach vorne versetzt, die Arme locker herabhängend und die großen aber gepflegten Hände zu Fäusten geschlossen.Ich schaute hinauf. Sein Lächeln schwebte nun etwa viereinhalb Meter über mir und wurde durch das weiche Licht, das durch das Glasdach hereinfiel, noch verstärkt.
Langsam umkreiste ich ihn. Entdeckte die feinen Marmorlinien auf seinem leicht gebräunten Körper und den unglaublich ästhetischen Schwung seines Rückens, der in ein perfekt gerundetes Gesäß überging. Auf dem linken kräftigen Oberschenkel konnte ich die Reste eines Schriftzuges erkennen. Er musste schon viel erlebt haben, denn seine Arme und Beine waren von Rissen durchzogen. Der linke Unterschenkel fehlte und war durch eine Edelstahl-Stütze ersetzt worden. An einigen Teilen des Körpers war der Marmor abgebröckelt und wieder andere Teile ruhten wohl noch unentdeckt in der Erde des Heraion und mussten daher nachgebildet werden.
Inzwischen habe ich diesen Raum fast in jedem Urlaub aufs Neue betreten, denn die klassische Schönheit des Jünglings begeistert mich immer wieder. Und ich bin mir fast sicher, daß er mir, spätestens seit meinem dritten Besuch, jedes Mal heimlich zuzwinkert…der Kouros von Samos.»







