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Der Jüngling

Ich werde unsere erste Begegnung nie vergessen. Es war vor 5 Jahren und ich war zum ersten Mal auf Samos. Meine Reisebegleiterin und ich waren unserem Reiseführer gefolgt, der uns empfohlen hatten, dieses Haus zu besuchen. Auch von “ihm” hatten sie berichtet, schließlich ist er einer der bekanntesten Männer der Insel. Trotzdem stockte mir der Atem, als ich ihn plötzlich sah.

Ich stand am oberen Ende einer Treppe, er unten und schaute mir direkt ins Gesicht. Er blieb stumm und bewegte sich nicht, schaute nur und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. Er war groß, sehr groß und… völlig nackt.
Sein Körper war perfekt, wie gemeißelt. Schlank, aber nicht übermäßig durchtrainiert. Die runden Schultern und die weichen Konturen von Brust und Bauch verrieten, daß ihm durch einen gewissen Wohlstand die schönen Dinge des Lebens näher waren, als harte körperliche Arbeit.

Fasziniert stieg ich die Treppe hinab und trat näher. Er bewegte sich immer noch nicht. Stand einfach da, ein Bein etwas nach vorne versetzt, die Arme locker herabhängend und die großen aber gepflegten Hände zu Fäusten geschlossen.Ich schaute hinauf. Sein Lächeln schwebte nun etwa viereinhalb Meter über mir und wurde durch das weiche Licht, das durch das Glasdach hereinfiel, noch verstärkt.

Langsam umkreiste ich ihn. Entdeckte die feinen Marmorlinien auf seinem leicht gebräunten Körper und den unglaublich ästhetischen Schwung seines Rückens, der in ein perfekt gerundetes Gesäß überging. Auf dem linken kräftigen Oberschenkel konnte ich die Reste eines Schriftzuges erkennen. Er musste schon viel erlebt haben, denn seine Arme und Beine waren von Rissen durchzogen. Der linke Unterschenkel fehlte und war durch eine Edelstahl-Stütze ersetzt worden. An einigen Teilen des Körpers war der Marmor abgebröckelt und wieder andere Teile ruhten wohl noch unentdeckt in der Erde des Heraion und mussten daher nachgebildet werden.

Inzwischen habe ich diesen Raum fast in jedem Urlaub aufs Neue betreten, denn die klassische Schönheit des Jünglings begeistert mich immer wieder. Und ich bin mir fast sicher, daß er mir, spätestens seit meinem dritten Besuch, jedes Mal heimlich zuzwinkert…der Kouros von Samos.»

Bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde im Heraion der rechte Oberschenkel einer riesigen Jünglingsstatue gefunden, der jedoch in den Wirren des zweiten Weltkrieges verlorenging. 1973 entdeckten die Archäologen dann einen linken Oberschenkel mit der Inschrift “Is-chios aus Resios hat mich geweiht”, sowie weitere Bruchstücke der Statue aus archaischer Zeit, um 700 v. Chr. 1980 wurde dann auch der passende kolossale Torso gefunden. Der fehlende Oberschenkel wurde nachgebildet und die restlichen Bruchstücke zusammengefügt, so daß die noch kopflose Statue im gerade fertiggestellten Museumsneubau aufgestellt werden konnte. Zuvor musste jedoch der Boden des Raumes abgesenkt werden, um der fast 4,5 m hohen Statue Platz zu schaffen und anschließend eine Aussenwand eingerissen werden, da ein solcher Riese natürlich durch keine Tür passt. So stand der Kouros 4 Jahre lang, bis 1984 im Heraion bei Aufräumungsarbeiten ein Quader der Heiligen Straße angehoben wurde und darunter der Kopf des Kouros zum Vorschein kam. Da die Raumhöhe für die nun 4,79 m hohe Statue wieder nicht ausgereicht hätte, wurde diesmal die Decke angehoben…Powered by Hackadelic Sliding Notes 1.6.4

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